Die Verteufelung des Internets: Bazon Brocks Interview in der FAZ

Unter der Überschrift „Das Netz ist die Hölle der neuen Welt“ wurde gestern auf FAZ.net ein Interview mit Bazon Brock, erem. Professor für Ästhetik und Kulturvermittlung an der Bergischen Universität in Wuppertal, veröffentlicht. Zusammengefaßt erklärt Brock seine Ansichten über Wissenschaft, Kommunikation und Internet folgendermaßen:

– es wird innerhalb der Wissenschaft nur noch wenig voneinander rezipiert, das Verfassen von Publikationen hat einen enormen Vorrang vor dem Lesen

– es mangelt an persönlichen Verbindungen, dem gibt das Internet noch Vorschub

– die Universitäten entwickeln sich aufgrund ihrer Ökonomisierung zu Wissenschaftsindustrien

– das Netz ist absolut gefährlich, es ist totalitär, Brock vergleicht es mit dem stalinistischen oder nationalsozialistischen Regime: „Als wir das vor Jahren sagten, haben die Leute uns für verrückt erklärt. Wir waren vor Jahren viel weiter und haben gesagt, dass das, was die Lager der totalitär-faschistischen Regime, des stalinistischen oder des Hitler-Regimes waren, jetzt, als Weltlager, das Netz geworden ist. Und es ist extrem gefährlich geworden, dort überhaupt in die Akten zu kommen, auffindbar zu sein.“ (Zitat aus dem Interview von Kathleen Hildebrand mit Bazon Brock, 3. Mai 2010)

Gelinde gesagt, über die Aussagen bin ich deutlich irritiert. Das Netz dermaßen zu verteufeln zeigt eigentlich, daß es eine Kluft zwischen den verschiedenen Generationen bzgl. des Internets, seiner Chancen und Gefahren gibt. Brock, der 1936 geboren wurde, gehört einer Generation an, die eine „analoge“ Sozialisierung im Wissenschaftsbetrieb erfahren hat. Er stellt diese, seine Erfahrungen der neuen Entwicklung gegenüber. Eigentlich spricht daraus Angst vor den Veränderungen, die aber schon gegriffen haben. Interessanterweise betreibt Brock aber eine eigene Website, auf der er sich und seine Arbeit präsentiert. In gewisser Weise nutzt er das Netz für eine öffentliche Kommunikation, verteufelt es aber zugleich. Ist hier nicht ein Widerspruch?

Das Netz, eine neue und nicht die Kommunikationsart ist zunächst ein neuer Weg, ein technisches Hilfsmittel, so wie es Bücher oder Magnetbänder auch sind und waren. Was daraus gemacht wird, ist jedem einzeln persönlich überlassen. Jeder ist selbst verantwortlich, wie er das Internet nutzt, was er von sich preisgibt. (Nebenbei: wenn ich auf der Straße in einer bestimmten Kleidung auftrete, gebe ich ein Teil meiner Persönlichkeit preis, die auch von mir fremden Menschen gesehen wird.) Was aber unbedingt notwendig ist, ist ein Ende der Verteufelung des Internets. Das bedeutet nicht, daß man es unkritisch benutzen soll. Aber eine Verdammung zeugt nicht von einem aufgeklärten Menschen!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: